Gespräche auf einem absurden Planeten

Gespräche auf einem absurden Planeten

Ich bedanke mich nochmals herzlich bei Emil Horowitz für sein neues Ebook „Gespräche auf einem absurden Planeten“.  Meine Rezension dazu findet Ihr hier. Im Anschluss bat ich Emil Horowitz noch um ein kleines Interview, natürlich bezugnehmend auf sein neues Buch.

Tina: Tiefgründige Romane und mehrteilige Familiengeschichten sind derzeit aktueller denn je, man besinnt sich wieder zur eigenen Vergangenheit. Bei Ihren Kurzgeschichten hatte ich als Leserin den Eindruck, dass einem mehrfach der Spiegel der Realität vorgehalten wird. Brauchen wir diesen Spiegel mehr denn je, damit wir uns überhaupt noch als Mensch darin erkennen können?

Emil Horowitz: Aus meiner Sicht hat belletristische Literatur eine dieser beiden Aufgaben: die Reflexion der wirklichen Welt, um sich durch das Lesen mit Aspekten des Seins zu beschäftigen, die vorher außerhalb des Blickwinkels lagen, oder die Reise in phantastische Welten, die uns zeitweise aus den Zwängen unseres Daseins befreit und uns an Orte schickt, die uns sonst verschlossen bleiben. In meiner schriftstellerischen Arbeit verfolge ich beide Richtungen. Bei „Gespräche auf einem absurden Planeten“ war mir vor allem die Relflexion der realen Welt wichtig. Ja, ich finde es wichtig, das wir uns regelmäßig diesen Spiegel vorhalten. Ich glaube aber nicht, dass uns unsere heutige Zeit dazu einen besonderen Grund liefert. Es ist wie bei einem Blumenbeet: Nur bei regelmäßiger Pflege wird das Beet blühen. Wenn wir das tun, gibt es für Phasen besonderer Pflege keine Notwendigkeit, sie wären ein Zeichen vorangegangener Vernachlässigung.

Tina: Das Cover Ihres Buches erinnert mich an neu gewonnene Buchgenres. Heute sind Mangas und Marvel-Storys auf dem Buchmarkt nicht mehr wegzudenken, diese Geschichten sind voller Helden und Antihelden und erzählt sich fast alleine durch deren Bilder. Was hat Sie ausgerechnet entgegen dem Trend dazu verleitet, Kurzgeschichten zu schreiben?

Emil Horowitz: Dazu gibt es zwei Antworten. Erstens: Ich richte mich nicht nach Trends, sonst wäre ich Modestylist statt Schriftsteller geworden. Zweitens: Kurzgeschichten sind in der Regel nicht das Ergebnis einer bewussten Entscheidung. Sie fallen ganz automatisch an, während man sich mit anderen Projekten beschäftigt. Manchmal drängen sie sich regelrecht auf. Sind sie in ausreichender Anzahl zusammengekommen, wird ein Buch daraus. Das ist ein ergebnisoffener Vorgang. So dauert die Akkumulation von Geschichten zu meinem anderen Kurzgeschichtenprojekt „Fraktalroman“ bereits seit über zehn Jahren an. Es besteht durchaus die Möglichkeit, dass daraus nie ein Buch wird.

Tina: Was braucht man Ihrer Meinung nach, um diesem Irrsinn unserer Zeit, der ja in ihren Kurzgeschichten deutlich hervorgehoben wird, zu entfliehen? 

Emil Horowitz: Ich glaube, der Versuch, dem Wahnsinn unserer wirklichen Welt entfliehen zu wollen, ist der falsche strategische Ansatz. Eskapismus führt nur scheinbar zu befriedigenden Lösungen. Wir sollten uns den Absurditäten und Abwegen unserer Welt mutig und entschlossen stellen und versuchen, einen Weg zu finden, damit umzugehen. Wenn uns das gelingt, könnten unsere Erkenntnisse vielleicht auch anderen helfen.

4. Wo fängt für Sie Phantasie an und wo hört Realität auf?

Emil Horowitz: Das ist eine derart komplexe Frage, dass sie Stoff für ein eigenes Buch wäre. Allerdings treffen Sie da einen Nerv bei mir, denn die Fragen Wie real ist die Virtualität und Wie virtuell ist die Realität gehören zu meinen Lieblingsthemen. Ich habe früher eine elektronische Publikationsform herausgegeben, die heute kaum mehr bekannt ist, das eZine (Electronic Magazine). In meinem damaligen eZine „avAtaR“ habe ich dieses Thema in dem Artikel „Die V-Akten“ behandelt. Wenn es Sie interessiert, hier der Link: http://www.nexo.de/avatar/

5. Meine letzte Urlaubsreise liegt jetzt genau einen Monat zurück. Unser Trip entlang der Ostküste der USA war sehr erholsam und schon lange notwendig. Wo können Sie am Besten entspannen und über neue Buchideen nachdenken?

Emil Horowitz: Ich glaube, ich habe noch nie über neue Buchideen nachgedacht. Die Ideen haben immer bei mir angeklopft, meistens als Ergebnis assoziativer Prozesse aus dem sozialen Umfeld. Mittlerweile habe ich eine Datenbank mit Buchideen, die für mehrere Schriftstellerleben reichen. Derzeit hoffe ich, dass mir nichts Neues mehr einfällt, denn jede neue Idee verstärkt meine Unruhe, in meinem Restleben nur einen verschwindend kleinen Teil meiner Erzählkonzepte realisieren zu können.
Vielen Dank für die offenen und wirklich sehr interessanten Antworten. Ich bin gespannt auf weitere Storys aus der „Datenbank der Buchideen“.